Freitag, 30. März 2018

Ich aber sage: Du bist schön

Foto: Peter Otten
Als Gott stirbt zeigt er aller Welt deine Schönheit. Warum der Karfreitag so wichtig ist.

Von Peter Otten

Warum ist dieser Tag wichtig?

Vor einem Jahr etwa habe ich eine Frau bestattet. Es waren viele Wochen zwischen ihrem Tod und dem Tag der Beerdigung verstrichen. Die Behörden hatten versucht, Angehörige der Dame zu finden. Sie war im hohen Alter in einem Seniorenheim verstorben. Aber sie hatten niemanden gefunden. Also haben die Behörden die Bestattung organisiert. Sie legten einen Friedhof, ein Datum und eine Uhrzeit fest. Ich hatte nur ein paar spärliche Informationen über die Verstorbene. Das, was auf ein Formular passt: Name, Adresse, Familienstand. Sie hatte einen schönen Namen, wie ich fand. Er hatte einen warmen Klang. Aber es gab niemanden, mit dem ich über sie hätte sprechen können. Vielleicht hätte ich in das Heim fahren sollen, um die Menschen zu fragen, die sie zuletzt betreut hatten. Aber das fiel mir zu spät ein.


Am Tag der Beerdigung kam ich zum Friedhof. An der Bahnhaltestelle ging ich zu einem Blumenladen und kaufte eine Rose. Mit der Rose in der Hand schritt ich durch das Tor. Wie würde es sein? Eine Bestattung mit mir und einer unbekannten Toten? Mutterseelenallein?

Auf der Friedhofskarre stand bereits die Urne. Auf den Deckel war der Name der Toten eingraviert. Still sprach ich ihn aus. Ich las das Geburts- und das Sterbedatum. Noch vor der angesetzten Zeit gingen wir los, ein städtischer Mitarbeiter und ich. Es war ein schöner Tag, er war warm und der Himmel war blau. Blumen dufteten. Ein Friedhof kann ein einladender Ort sein.

Wir kamen zu dem Ort, wo Urnen anonym beigesetzt werden. Durch kleine Holzpflöcke waren die Grabstellen abgesteckt. Kleine Quadrate. Gleiches Maß. Sie erinnerten mich an die Markierungen meiner Mutter, wenn sie im Gemüsegarten kleine Felder für Schnittlauch und andere Kräuter markierte. In einem der Quadrate war ein Loch gegraben. Vier weitere kleine Quadrate waren bereits abgesteckt für vier weitere Urnen, die an dem gleichen Tag noch bestattet werden würden. Ebenfalls anonym.

Der Mitarbeiter, ein freundlicher Mann, senkte die Urne mit geübter Hand in das Loch. Er lüftete seine Mütze, verbeugte sich und entfernte sich einige Schritte.

Warum ist dieser Tag heute wichtig?

Ich segnete das Grab, nachdem ich das Vortragekreuz, das mir ein kundiger Schreiner aus dem Agnesviertel gemacht hat in die Erde gerammt hatte. Ich betete und gab mir selbst die Antworten. Ich spürte die Sonne in meinem Nacken. Dann nahm ich einen Zettel und las meine Ansprache vor. Sie ging so:

„Wir haben uns nicht gekannt.

Ich weiß Ihren Namen. Ich finde, es ist ein schöner Name. Ich weiß, Sie waren verheiratet, aber Ihr Mann ist schon gestorben.

Am 30. Oktober 1928 wurden Sie geboren, das weiß ich auch, denn auch das steht auf dem Formular. Das war das Jahr, in dem Erich Maria Remarque seinen Roman „Im Westen nichts Neues“ veröffentlichte.

Das meiste von Ihnen weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob Sie einsam waren oder Angst hatten, als der Tod kam. Ich weiß nicht, ob Sie allein waren. Ich weiß nicht, ob es jemanden gab, der an Sie dachte.

Von Ihrem Leben weiß ich nichts. Ich weiß nicht, ob Sie ein fröhliches Mädchen waren. Eine selbstbewusste Frau. Jemand, der das Leben liebte, aber vielleicht auch manchmal schwer am Leben trug. Ich kenne ihr Gesicht nicht. Ich weiß nichts über die Farbe Ihrer Augen oder Ihrer Haare. Ich weiß nicht, ob Sie schlank und sportlich waren, ob Sie das Tanzen geliebt haben, die Geselligkeit und die Freude an Gemeinschaft mit anderen Menschen. Ich weiß nicht, wie Sie die Kriegsjahre erlebt haben. Ich weiß nicht, um wen Sie alles in Ihrem Leben getrauert haben. Wen Sie selbst durch Krankheit und Tod begleitet haben. Ich wüsste all das gern. Aber ich weiß es nicht.

Denn unsere Biographien berühren sich nur in diesem Augenblick, wo ich an Ihrem Grab stehe. Wie zwei Kreise, die nebeneinander kreisen und sich nur in diesem einen Moment, an diesem einen sehr persönlichen Punkt berühren. Und sich dann wieder verlassen.

Wir haben uns nicht gekannt.

Aber ich glaube daran, dass jeder Mensch einen Augenblick verdient hat, in dem er spürt, dass es nur um ihn geht. Dass er die Bühne betritt und die ganze Welt seine Schönheit sehen kann. Und in dem der Rest der Welt stillsteht. Und dafür bin ich heute da. Wenigstens für 15 Minuten.“

Warum also ist dieser Karfreitag wichtig?

Gerade haben wir die Passionsgeschichte gehört. In dem Moment, als alles vorbei ist, sind wir still geworden. Einige haben sich hingekniet. In dem Moment, als wir daran dachten, dass einer am Kreuz starb, wurden wir still. Wie kann ich mir vorstellen, dass ausgerechnet dieser Moment für mich, für dich, für die Welt, für die Frau mit dem schönen Namen Erlösung bringen soll?

Als Jesus verlassen wird, teilt er die Verlassenheit der Frau mit dem schönen Namen. Als Jesus einsam ist, teilt er die Einsamkeit jedes einsamen Menschen. Als Jesus still wird, teilt er meine Stille und die Stille jedes Menschen, der keine Stimme mehr hat. Als Jesus stirbt, teilt er dein Sterben und das Sterben der ganzen Schöpfung. Als Jesus tot ist, teilt er den Tod aller Menschen, die gestern, heute, morgen in den Tod gingen, in den Tod gehen. Als Jesus stirbt, würdigt er dich, und mich, die Frau mit dem schönen Namen, diese mysteriöse, schön-schreckliche Schöpfung.


Als Jesus stirbt, macht er Platz für dich und zeigt der Schöpfung deine Schönheit. Und dir die Schönheit der geschundenen Schöpfung.

Er sagt: „Du bist schön. Auch wenn dir das niemand sagt. Auch wenn du das selber nicht spürst. Ach wenn du denkst, das Gegenteil wäre eigentlich richtig. Auch wenn du dich für dich schämst. Auch wenn alle sagen: Du bist hässlich, du gehörst nicht dazu. Auch wenn du an dir verzweifelst. Ich aber sage: Du bist schön.“ Und in dem Moment, wenn jemand das zu dir sagt, beginnt die Erlösung.

Deswegen ist der Karfreitag wichtig.


Gleich verehren wir das Kreuz. Wir sagen: Im Kreuz ist Heil. Im Kreuz ist Leben. Im Kreuz ist Hoffnung. Ein Kreuz zu verehren bedeutet, den Moment des Todes Gottes auzuhalten. Er wird zu deinem Moment, zu meinem Moment, zum Moment der ganzen Schöpfung. Versuche, Gottes Blick zu ertragen und sein Wort entgegenzunehmen: Du bist schön. Vielleicht kannst du es dann auch zu dir selbst sagen, später. Zu mir. Zu der Frau mit dem schönen Namen. Zu allem, was in der Rauheit und Roheit der Schöpfung verschüttet, vereinsamt, vergraben, unentdeckt ist. Vielleicht nicht immer und überall, vielleicht aber für fünfzehn Minuten oder einen kleinen Moment. Du bist schön. Das ist Erlösung - und Leben.

Kommentare:

  1. Volker Schnitzler30. März 2018 um 21:39

    Beeindruckend! Vielen Dank!

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  2. Sarah Rockenfeld4. April 2018 um 11:01

    Vielen Dank für diesen Blickwinkel!

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