Dienstag, 12. Dezember 2017

Erzähl mir die Stille

Foto: https://commons.wikimedia.org
"Sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund" ist auch die Versicherung - die Hoffung wenigstens - dass nicht nur Gott, sondern auch die Menschen einander dieses Sprechen nicht schuldig bleiben. Gedanken zum Lied "In die Stille" von Nils Koppruch.

Von Peter Otten

Als ich das Lied nach langer Zeit mal wieder hörte, habe ich mich gefragt, ob ich das eigentlich schon mal gehört habe: Die Stille. Und dabei fiel mir gleich wieder auf, dass dies ja ein Paradoxon ist: Wie kann man etwas hören, dass nicht da ist? Denn die Stille (von althochdeutsch stilli: ohne Bewegung, ruhig, ohne Geräusch) bezeichnet in der deutschen Sprache die empfundene Lautlosigkeit, die Abwesenheit jeglichen Geräusches, aber auch Bewegungslosigkeit. Ihre Steigerung ist die Totenstille. Davon abgeleitet ist tatsächlich das deutsche Verb stillen, weil Babys während des Trinkens ruhig werden. Stille erklärt sich also durch die Abwesenheit von Geräuschen, also dadurch, dass etwas anderes nicht ist.

Und erzähl mir die Stille / mach, dass ich weiß, du bist immer noch da / auch wenn du schweigst.

 
Für Nils Koppruch scheint die Stille bedrohlich. (Man versteht die Bedrohung, in die auch schwarze Fäden der Verzweiflung eingewebt sind besser, wenn man weiß, dass der Sänger 2015 bereits an einer schweren Krankheit gestorben ist). Die Stille signalisiert die Abwesenheit eines anderen Menschen. Erzähl mir die Stille bedeutet dann eigentlich: Unterbrich du die Stille, fülle die Stille mit dir, denn ich habe Angst, dass du nicht – mehr – da bist. Und etwas anderes als du auch nicht. Die Angst vor der Stille ist die Angst vor dem Nichts und das Bewusstsein darüber, das Nichts könnte meine Existenz bestimmen. Doch: Wenn ich weiß, dass du da bist, dann kannst du sogar schweigen. Es ist nicht schlimm, wenn du schweigend da bist. Wenn du nur da bist.


Die Stille ist eine ambivalente Realität. Menschen erleben Stille einerseits als entspannend und wohltuend. Die Stille ist auch ein geeignetes Medium für Transzendenzerfahrung, eine Erfahrung also, die über meinen eigenen Kosmos hinausgeht, für religiöse Erfahrungen. Andererseits kann die Stille, der anhaltende Mangel an Außenreizen ja auch zur seelischen Krankheit führen.

 
Das Lied erzählt von Paradoxien. Denn es bringt natürlich das zum Klingen, was in seinen Zeilen ungefragt in Klammern mitklingt: Erzähl mir wir haben noch Zeit (denn ich ahne, wir haben keine mehr). Erzähl mir der Weg wird ganz leicht (wo ich doch weiß, er wird ganz schwer). Erzähl mir, dass du bis ich geh bei mir bleibst (wo ich doch ahne, dass dies eine Zumutung ist). Sag mir die Wahrheit: Steht ein Licht für mich da? (wo ich befürchte, mein Blick wird sich doch in der Dunkelheit verlieren). Und Nils Koppruch gelingt es, diese Schwere der Paradoxien auch musikalisch darzustellen: im scheppernden Gitarrenspiel, das eigentlich nur aus zwei Akkorden besteht. Im seinem schnarrenden melancholischen Gesang.

 
Das Lied ist also ein Lied über den Grat des Lebens, das immer aus beiden Seiten besteht: Sicherheit und Unsicherheit, Gemeinschaft und Einsamkeit, Vertrauen und Misstrauen, Geborgenheit und Geworfensein, Glücklichsein und Verzweiflung – und dem übergroßen Gelände dazwischen. Das eine geht wohl nicht ohne die Gewissheit, dass es auch in der Gefährdung des anderen steht. Und die dämmrige Erfahrung des Dazwischen auf dem Gelände der Alltäglichkeit des Menschen, das Ausgespanntsein zwischen Geborgenheit und Geworfensein, Fremde und Heimat, ist der Teer des Lebens. Du kannst dir deiner Sicherheit nicht zu sicher sein, genauso wenig wie deiner Unsicherheit. Die Lebensrealität ist das Sowohl-als-auch.

 
Konstitutiv jedenfalls für die Existenz des Menschen, so zeigt es Koppruch in seinem Lied, die er als sinnvoll erfahren kann ist die Sehnsucht nach einer Antwort, die die Stille unterbricht. Das Motiv ist ein bisschen ähnlich wie in der letzten Woche beim Song „Make You Feel My Love“ von Bob Dylan. Konstitutiv für ein Leben, das ein Mensch als sinnvoll erlebt ist die Sehnsucht danach, dass da jemand antwortet: Ja, ich bin da. Und ich bleibe da, selbst wenn ich schweige. Ja, ich bin voller Zuversicht.

 
Die Adventszeit ist die stille Zeit. Aber auch sie suggeriert ja keinesfalls, dass alle Antworten da sind und dass sie einfach sind. Auch der Advent, das Warten ist ambivalent. Es gibt auch im Advent Menschen, die an der Stille in ihrem Leben verzweifeln. Manchmal geht es ein bisschen schnell mit dem Gedanken, der allzu beharrlich zur Gewissheit wird: Gott antwortet, denn er kommt in die Welt. Der Retter ist da. Ist das so? Die Sache bleibt kompliziert und krisenanfällig. Was ist, wenn er nicht in deine Welt kommt? Was ist, wenn du seine Antwort nicht hören kannst?

 
Erzähl mir die Stille, singt Nils Koppruch. Das erinnert an einen Satz, den Christinnen und Christen in jeder Messe gemeinsam sprechen: Sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund. Es ist das Zitat des römischen Hauptmanns, dessen Diener todkrank ist und in dieser Situation Freunde zu - dem ihm völlig kulturfremden - Jesus schickt, weil er hofft, dass Jesus ihn ins Leben zurückholen kann. Jesus würdigt das Vertrauen des Hauptmanns in dieser Krisensituation. Er würdigt im Grunde "das Sprechen darüber" selbst, das die Totenstille durchbricht. Sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund. Das ist der Satz, bevor die Menschen im Gottesdienst Gemeinschaft untereinander besonders dicht konstituieren. Sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund ist auch die Versicherung, die Hoffung wenigstens, dass nicht nur Gott, sondern auch die Menschen einander dieses Sprechen nicht schuldig bleiben.

 
Es bleibt das Vertrauen darauf, dass Gott Weihnachten die Stille unterbricht. Dass er sagt: Ich erzähle dir die Stille. Ich will, dass du weißt ich bin immer noch da, auch wenn ich schweige. Es bleibt aber auch das Vertrauen darauf, dass Menschen einander immer sagen können: Ich erzähle die Stille, dann kann deine Seele gesund werden.

Kommentare:

  1. Danke für den schönen Text, Peter! Er hieß allerdings Koppruch und nicht Kopprusch: http://nilskoppruch.de/

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke! Obwohl ich ihn so oft höre, verschreibe ich mich immer wieder an derselben Stelle. Hm.

      Löschen