Mittwoch, 30. November 2016

Heart burnin´, still yearnin´


Screenshot: Peter Otten
Ist Gott ein unbehauster Pilger? Wenn ja, wäre er mir darin womöglich gleicher als niemand sonst.

Von Peter Otten

Ain´t talking, just walking. Als ich das Lied zur Vorbereitung auf den Abend nun wieder und wieder hörte und zugleich ins Deutsche zu übersetzen versuchte, habe ich gedacht: Dylan findet hier Worte für ein Lebensgefühl von Menschen, die ich kenne. Die - zum Teil gezwungenermaßen - eine unverbundene fast schon überindividualisierte Existenz leben müssen. Wach werden - walking – aufstehen – walking - Zähne putzen - walking – frühstücken – walking - in der KVB stehen - walking – arbeiten – walking - einkaufen - walking … and not talking. Durch eine Welt, die es immer schwerer fällt zu entschlüsseln. Gesetzmäßigkeiten zu entdecken oder gar zu verstehen. Sie gar zu gestalten. Walking wie ein Sisyphos, jeden Tag einen Stein auf einen Berg rollend wenigstens mit der Ahnung: er kommt doch wieder zurück.

Ich habe dieses Motiv in Dylans Text gesehen. Er beschreibt die Welt als einen Unort, bestimmt von Gewalt, Rachsucht, Gnadenlosigkeit, für die er eindringliche Bilder findet, die wie apokalyptische Stationen an einem postmodernen Kreuzweg wirken. „Hast du einmal verloren gibt es keine Gnade.“ Und der Erzähler schreitet, spaziert durch diese Un-Welt, dieses Outback, ironischerweise angetrieben vom federnden Rhytmus der Musik.

Mittwoch, 2. November 2016

Franz ist nicht Bob

Screenshot: Peter Otten
Der Papst hat erneut die Weihe von Frauen zu Priesterinnen abgelehnt und sich der Argumentation
seiner Vorgänger angeschlossen, die zusammengefasst lautet: Das war immer schon so. Mit einem ähnlichen Argument wollte Pete Seeger Bob Dylan 1965 die elektrische Gitarre entreißen. Das ging daneben, zum Glück.

Von Peter Otten

1965 beschloss Bob Dylan, seine Gitarre elektrisch zu verstärken. Es war beim Newport-Festival, als Dylan mit der Paul Butterfield Blues Band auftrat und mit umgeschnallter E-Gitarre eine Version von "Maggies Farm" anstimmte. Ein Teil des Publikums buhte heftig, so heißt es, und auch hinter der Bühne sollen sich bizarre Szenen abgespielt haben: Pete Seeger, eine Art Papst Benedikt der Folkmusik, soll damals sogar damit gedroht haben, die Kabel mit einer Axt kaputt zu schlagen. Doch Dylan machte weiter. Auch bei einer anschließenden Europatournee hagelte es Kritik, Pfiffe und Buhrufe, wenn der Sänger seine E-Gitarre auspackte. Daraus machte Dylan ein lakonisches Ritual: Er drehte sich zu seiner Band um und wies sie mit vier Worten an: "Play it fuckin´ loud!" Der Rest ist Geschichte. Dylan spielte E-Gitarre, saß später, als die Rückenschmerzen zu heftig waren an einem (elektrisch verstärkten) Klavier und lässt seit 1985, dem Beginn seiner Never-Ending-Tour, keine Bühne aus. Sogar vor dem Papst hat er aufgespielt. "Das war schon immer so!" - dieses Argument hat Dylan im Hinblick auf seine Entwicklung als Künstler und im Hinblick darauf, wie man Folk-Musik angeblich grundsätzlich zu spielen habe geflissntlich ignoriert. Gott sei Dank. Heute covert Dylan sogar Sinatra-Songs (igitt!) und ist auf der Bühne vielleicht so gut wie nie, wenigstens aber einer der interessantesten Künstler unserer Zeit.