Sonntag, 16. Juni 2013

Explizit undeutlich


Sreenshot: Peter Otten
Über einige Dinge, die der Papst dann doch nicht gesagt hat

Von Norbert Bauer
 

Die formulierte Position der römisch- katholischen Kirche zu Homosexualität ist eindeutig: „Gestützt auf die Heilige Schrift, die sie als schlimme Abirrung bezeichnet, hat die kirchliche Überlieferung stets erklärt, „daß die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind" (CDF, Erkl. „Persona humana" 8). Sie verstoßen gegen das natürliche Gesetz, denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen“ (Katechismus der katholischen Kirche, 2357). Die gelebte, auch katholische Wirklichkeit sieht anders aus. Das ist kein Geheimnis. Wie so einige andere lehramtliche Festschreibungen wird auch die Verurteilung gelebter Homosexualität nur bedingt vom Kirchenvolk rezipiert. Sogar der ein oder andere Bischof deutet, ohne sich wirklich dabei den Mund zu verbrennen, öffentlich an, dass der Katechismus vielleicht doch nicht das letzte Wort sein kann. So sagte Kardinal Rainer Maria Woelki auf dem letzten Katholikentag: „Ich halte es für vorstellbar, dass dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, wo sie in einer dauerhaften homosexuellen Beziehung leben, dass das in ähnlicher Weise zu heterosexuellen Partnerschaften anzusehen ist."

Solche vorsichtigen Äußerungen verwirren natürlich. Daher wartet mancher Hüter und manche Hüterin der reinen katholischen Lehre endlich auf ein Wort des neuen Papstes zu dieser vermeintlich essentiellen Frage. Bisher hat Papst Franziskus sich als Papst nicht groß verwertbar dazu geäußert. Nun aber scheint das erhoffte Wort endlich da zu sein.


„Papst Franziskus mahnt Frankreich zu Umkehr bei Homoehe“ meldet der ORF pathetisch. Für den vom österreichischen Rundfunk vermeldete Bezug Franziskus´ auf die Zulassung gleichgeschlechtlicher Ehen und ein damit verbundenes Recht zur Adoption von Kindern sowie auf Abtreibung und Sterbehilfe findet sich jedoch kein Beleg, weder in der Nachricht noch im veröffentlichten Redemanuskript (deutsche Übersetzung jetzt hier). Er äußert sich nicht ausdrücklich dazu. Dabei hätte der Anlass der Rede eine gute Gelegenheit geboten: der Besuch einer französischen Parlamentariergruppe, der Amitié France-Saint-Siège. In Frankreich mischt die katholische Kirche bekanntermaßen kräftig dabei mit, die Gesellschaft über die Frage der rechtlichen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften zu spalten. Aber: der Papst nutzte die Gelegenheit nicht. In seiner kurzen Rede vermied er alle gesellschaftspolitischen Streitwörter. Die Wörter „Homosexualität“ bzw. „Gleichgeschlechtlichkeit“ tauchen im Redetext erst gar nicht auf. Da nicht sein kann was nicht sein darf, greifen einige sich katholisch bezeichnenden Webseiten die Agenturmeldung auf und üben sich in radikaler Interpretationskunst „Ohne sich explizit in innenpolitische Fragen einzumischen, gab der Papst seine Ablehnung von „Homo-Ehe“, Adoptionsrecht für Homosexuelle, Abtreibung und Euthanasie deutlich zu erkennen.“ Nicht explizit - aber trotzdem deutlich. So muss es sein, wenn der Papst was nicht sagt, was man gerne gehört hätte.

Aber vielleicht hat der Papst das alles gemeint, ohne es sagen. Das mag sein, ich will das nicht ausschließen. Er sagt es aber nicht. Er freut sich nur darüber, dass die französische Gesellschaft Vorstellungen der Kirche wiederentdeckt. Was er darüber hinaus sagt, sind Selbstverständlichkeiten aus dem Grundkurs Sozialkunde. Parlamentarier haben die Aufgabe „Gesetze vorzuschlagen, sie zu verbessern oder (…) aufzuheben.“ Daraus wird die Schlagzeile: „Papst Franziskus mahnt Frankreich zu Umkehr bei der Homoehe.“ Als Deutschlehrer würde ich daneben schreiben: überinterpretiert.

Hat der Papst nun Kreide gefressen und traut sich nicht mehr die ganze Wahrheit zu sagen? Bisher ist Papst Franziskus nicht dadurch aufgefallen, dass er jedes Wort auf seine diplomatische Goldwaage legt. Daher erlaube ich mir auch eine Interpretation und vermute eine andere Intention in seiner uneindeutigen Rede. Er hat erkannt, wie sehr die Frage nach der gleichgeschlechtlichen Ehe und nach dem Adoptionsrecht den gesellschaftlichen Frieden in Frankreich belastet. Vielleicht wollte er in diese angespannte Situation nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen, sondern zu einer differenzierten, der von ihm ausdrücklich gelobten Laiziät Frankreichs gerecht werdenden Lösung beitragen. Dass Fragen zu Homosexualität auch unter Katholiken differenziert gesehen wird, hatte er bei seiner Rede schon unmittelbar vor Augen. Unter den katholischen Parlamentariern, die den Papst besuchten, tummelten sich auch welche, die bei der Abstimmung im Parlament für die Gesetzesvorlage der Regierung gestimmt haben. Und das taten sie, obwohl sie die Aussagen des Katechismus kannten.

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