Sonntag, 4. September 2011

Zollitsch füllt den Köcher

Foto: Paul-Georg Meister/www.pixelio.de
In die Frage nach dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen bringen die einen Bewegung, während andere sich noch sortieren.

Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, wird wohl etwas in seinem Köcher haben, wenn er sich gegenüber Giovanni di Lorenzo und Patrick Schwarz in seinem aktuellen Interview mit der "Zeit" derart weit aus dem Fenster lehnt. Offensichtlich scheint er Anlass zur Hoffnung zu haben, dass sich in der Praxis des Umgangs mit geschieden Wiederverheirateten noch zu seinen Lebzeiten etwas tut. Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff hatte in seinem aktuellen Buch offensichtlich schon eine Fährte gelegt, die zeigt, in welche Richtung es nach Meinung einiger deutscher Bischöfe gehen könnte.
Von einer "dreifachen Hilfestellung" spricht Schockenhoff dort: „Indem (die Kirche) erstens die kirchlichen Ehenichtigkeitsverfahren beschleunigt, zweitens wiederverheiratete Geschiedene unter erreichbaren Bedingungen zu den Sakramenten zulässt und drittens eine zivile Zweitehe als einen verantwortlichen Ausweg aus der durch den Bruch der ersten Ehe entstandenen lebensgeschichtlichen Sackgasse duldet“. In der von ihm vorgeschlagenen Zulassung zu den Sakramenten einzig aufgrund einer Gewissensentscheidung der Betroffenen will Schockenhoff die Kirche als Versöhnungsgemeinschaft ernst nehmen: "Die Einladung zur vollen Teilnahme am eucharistischen Mahl unter Einschluss des Kommunionempfangs bietet nicht nur geschiedenen und wiederverheirateten Christen die Chance zur Versöhnung mit ihrer eigenen Lebensgeschichte. Sie wäre auch für die Kirche selbst von großer Bedeutung. Eine solche öffentliche, von der Kirche ausgesprochene Geste könnte eine verhängnisvolle Fehlentwicklung korrigieren, die ihr Bild in den Köpfen und Herzen der Menschen in einseitiger Weise festlegt. Von ihrem eigenen Auftrag her sollte die Kirche dagegen ein Ort sein, an dem Menschen auch angesichts des Scheiterns ihrer Lebensentwürfe auf Verständnis stoßen. Verständnis aber ist mehr als nur der Verzicht auf explizite Verurteilung oder ausdrückliche Zurückweisung", schreibt Schockenhoff im August in der Herder-Korrespondenz.

Sollten also, wie es den Anschein hat, gerade Theologen sich erneut mit diesen Fragen befassen - vielleicht, um Erzbischof Zollitsch den Köcher zu füllen - so ist das auch gut für das Verhältnis von akademischer Theologie und Lehramt in Deutschland. Denn manchmal ist es wichtig, die Dinge zu sortieren, damit klar ist, worüber man sprechen will. Dem neuen Erzbischof von Berlin, der mit jedem Tag ein bisschen weiter aus Köln wegschwimmt, scheint dies allerdings klar zu sein.
 
Bei der Bewertung des Sachlage hilft womöglich auch ein historisch-kritischer Blick auf die Bibel, wie ihn Hubertus Halbfas in seinem neuen Buch tut: "Wenn es (den Interessen der Kirche) entspricht, spielt es auch keine Rolle, ein eindeutiges Wort des "Herrn der Kirche" zu umgehen. In der Bergpredigt wird das Schwören untersagt: "Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein, alles andere stammt vom Bösen" (Mt 5,33 - 37). Doch die kirchliche Praxis versteht den Eid als eine Art "Gottesverehrung", jedermann zumutbar. Und so gibt es in der katholischen Hierarchie keinen Aufstieg, ohne von Stife zu Stufe stets neue Eide zu schwören. Erzt 1989 wurden zwei neue Treueeide von bestimmten kirchlichen Amtsträgern gefordet. Handelt es sich aber um die Ehescheidung, so wird mit Mt 19,6 gesagt: "Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen." Hier behauptet die Kirche, einer göttlichen Bindung zu unterliegen, die kein Entgegenkommen einräumt. Die Kirche könnte natürlich fragen, ob dieser Satz nicht den Schutz der damals fast rechtlosen Frau verfolgte, denn Ehescheidung ging regulär vom Mann aus und vollzog sich nur zu Lasten der Frau. (...) Solche Überlegungen würden der Intention Jesu näher kommen" (S. 88f.).

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