Sonntag, 14. Januar 2018

Abriss und Kündigung

Auch nach dem Lutherjubiläum sind Thesen weiterhin attraktiv. Der Politikberater Erik Flügge hat fünf Thesen für ein echtes Comeback der Kirche formuliert und freut sich über jeden Kirchenabriss. Etwas vorschnell.


St. Michael Köln, Brüsseler Platz
von Norbert Bauer

Erik Flügge ist sich mit seiner Diagnose sicher: Depression. Gleich siebenmal teilt er sie seinem Patienten, nicht in einem vertrauensvollen Arztgespräch, sondern mit ganzer Wucht in aller Öffentlichkeit. Der Patient ist wie so häufig bei Flügge die katholische Kirche. Wer eine Diagnose erteilt, sollte auch eine Therapie vorschlagen können. Das kann der junge Politikberater auch. Sein Therapievorschlag: Kirchenabriss und Mitarbeiterkündigung.

Der Staub der unter Protest dem Braunkohleabbau geopferten Immenrather Doms ist noch nicht verweht, da freut sich Erik Flügge schon auf den nächsten Abriss. Denn Kirchen sind „Beton gewordene Depression“. Ein Großteil der Braunkohlegegner, die gegen den Abriss demonstrierten, sind sicherlich keine regelmäßigen Gottesdienstbesucher. Dennoch lag ihnen in die Kirche am Herzen, wie offensichtlich auch der wirtschaftsfreundlichen FAZ, bei der Zerstörung „ungeniert Gleichgültigkeit, Banausentum und Profitstreben herrschen“.

Montag, 18. Dezember 2017

Achterbahnen


By Andy (6tee-zeven), via Wikimedia Commons
Wir können Weihnachten ja als ein Ereignis deuten, in dem Gott die Welt in die Höhe hebt. Gedanken zu "Rollercoasters" von Aimee Mann.

Von Peter Otten


Mir selber ist die Faszination vieler Menschen für Achterbahnen schleierhaft. Jene Kombination aus Geschwindigkeit und dem Wechsel von aufwärts und abwärts, inklusive Loopings und Überschlägen, rasanten Stopps und magenunfreundlicher Beschleunigung. Nichts gegen Höhe, aber ich klettere lieber gemächlich auf einen Berg und lasse mir Zeit dabei. Und auch dort meide ich unnötige Gratwanderungen oder schwindelerregende Blicke zurück ins Tal. Ausblick ja, wunderbar, aber, please, mit einem sicheren Sitzplatz am Gipfelkreuz.

„Achterbahnen und Riesenräder – du magst das Gefühl“ singt Aimee Mann. Warum nur? Vielleicht gibt sie selbst die Antwort: „Immer rundherum bis du dich selbst in der Luft verlierst“. Vielleicht ist es diese Grenzerfahrung, die Menschen auf eine Achterbahn zieht: sich selbst verlieren, die Kontrolle abgeben. Und vielleicht verliert sich damit auch für wenige Minuten die Schwere der eigenen Existenz. „All die komplizierten deals, deine verzweifelten Klagen, die du einem Gott entgegen geschrien hast von dem du weißt er ist nicht da.“ Jeden Tag einen deal machen, und noch einen, und noch einen, eine Erwartung erfüllen, ein Ziel erreichen, kontrolliert sein, Kontrolle ausüben. Jeden Tag all die Sachen, die du nicht verstehst und die für dich keinen Sinn ergeben, weil sie dein Leben und das Leben von anderen Menschen schwer machen. Die aber da sind und die erstmal niemand wegräumt, kein Gott dieser Welt, wie dir scheint, so laut du auch schreist.

Dienstag, 12. Dezember 2017

Erzähl mir die Stille

Foto: https://commons.wikimedia.org
"Sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund" ist auch die Versicherung - die Hoffung wenigstens - dass nicht nur Gott, sondern auch die Menschen einander dieses Sprechen nicht schuldig bleiben. Gedanken zum Lied "In die Stille" von Nils Koppruch.

Von Peter Otten

Als ich das Lied nach langer Zeit mal wieder hörte, habe ich mich gefragt, ob ich das eigentlich schon mal gehört habe: Die Stille. Und dabei fiel mir gleich wieder auf, dass dies ja ein Paradoxon ist: Wie kann man etwas hören, dass nicht da ist? Denn die Stille (von althochdeutsch stilli: ohne Bewegung, ruhig, ohne Geräusch) bezeichnet in der deutschen Sprache die empfundene Lautlosigkeit, die Abwesenheit jeglichen Geräusches, aber auch Bewegungslosigkeit. Ihre Steigerung ist die Totenstille. Davon abgeleitet ist tatsächlich das deutsche Verb stillen, weil Babys während des Trinkens ruhig werden. Stille erklärt sich also durch die Abwesenheit von Geräuschen, also dadurch, dass etwas anderes nicht ist.

Dienstag, 5. Dezember 2017

Make You Feel My Love


Weihnachten ist ein Fest über den Resonanzraum der Liebe. Wie schön wäre das, wenn ich jemandem glauben könnte: „Kein Zweifel in meinem Herzen, wohin du gehörst“

Von Peter Otten


 

In der Schule waren wir gut im Schreiben von Liebesbriefen. Zumindest dachten wir das. Wir haben uns Extra-Briefpapier besorgt. Recyclingpapier, grau, mit aufwendig gestalteten Briefköpfen unserer Zeit: geschwungenen Blumen, hingetupften Landschaften, Janosch-Tigerenten. Türkisfarbene Tinte war damals en vogue. Dann fühlten wir uns als Poeten. Warum auch nicht? Wenn wir, den Stift im Mund versonnen aus dem Fenster schauten, den Blick auf den bedauernswerten zerzausten Birnbaum im Garten geheftet, über uns die strengen Herbstwolken.

Sicher haben wir das, was ihr zu sagen war nicht genauso formuliert wie Bob Dylan. Das Problem bei Liebesbriefen war ja, dass wir die Werke, nachdem wir sie handschriftlich verfasst hatten zur Post gebracht haben. Dann waren sie weg, unwiderruflich, und was wir geschrieben hatten hatten wir geschrieben. Kontrollieren, ändern – zwecklos. Ein Liebesbrief war stets eine Investition ins Ungewisse.  

Wir mussten feststellen, dass die Liebe auch danebengehen kann. Was sollten wir machen, wenn das eigene Werben und Schwärmen bei ihr Stirnrunzeln oder schlimmer noch: peinliches Kopfschütteln, Augenbrauenheben oder – ganz fatal – ignorantes Schweigen hervorrief. Das war überhaupt das Schlimmste. Peinlich genau beobachteten wir ihre Reaktion, tagelang. Aber nichts. Rien. Nothing. Nicht schön auch: das klärende Gespräch („du bist ja ein ganz Netter“, „ich sitze wirklich gern mit dir in Englisch, aber…“, „ich glaube, du hast da ganz fürchterlich etwas missverstanden“, „ich kann mit niemandem so gut reden wie mit dir“, „du bist ein echt toller Freund“). Wir lächelten tapfer und sahen, wie sie unserem Blick auswich, und wir merkten, wie alle Kraft aus unserem Körper entwich wie bei einer defekten Luftmatratze. Wo war jetzt bloß der Birnbaum, hinter dem wir uns hätten verstecken können?

Samstag, 30. September 2017

Pool von Frauen


Screenshot Ausschnitt Norbert Bauer, dfb.de 
Mit ihrem Mentoring-Programm wollen die deutschen Bischöfe die Rolle der Frauen stärken. Es bleibt aber weiterhin eine Nebenrolle.


Von Norbert Bauer

"Was dem Verführer von früher die Briefmarkensammlung war, ist dem aufgeschlossenen Bischof von heute der Frauenförderplan“ schreibt Christiane Florin in ihrem Buch „Der Weiberaufstand“. Wenn alle deutschen Bischöfe zusammenkommen wird aus der Förderung gar ein Mentoring-Programm. Es werden nicht nur Briefmarken gezeigt, sondern auch noch ein Piccolo aus dem Kühlgeschrank geholt. Im Pressebericht zum Abschluss der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz erinnern sich die 67 Männer an ihren Fünf-Jahres-Plan „nach Möglichkeiten zu suchen, den Anteil von Frauen in Leitungspositionen weiter zu erhöhen.“ Denn sie meinen es ernst mit „Geschlechtergerechtigkeit“, „geschlechtersensibler Pastoral“ und „echte Wahlfreiheit für Frauen und Männer.“ Wer dies liest, kann leicht den Eindruck gewinnen, bei der Herbstversammlung der Bischöfe sei der katholische Frühling ausgebrochen. Dass dem nicht so ist, erfährt die Leserin dann zum Schluss des Dokuments: „Das Mentoring-Programm trägt so dazu bei, dass vor allem auf der mittleren Leitungsebene ein Pool von Frauen entsteht, die fähig und bereit sind, Leitung in der Kirche wahrzunehmen.“ Mit diesem Satz ist klar, was die Bischöfe mit ihrem Programm wollen: die Rolle der Frauen stärken, die aber weiterhin nur eine Nebenrolle sein kann. Für höhere Aufgaben sind Frauen gar nicht vorgesehen. Man erweckt erst gar nicht den Eindruck, die Decke nach oben sei gläsern. Interessant ist auch die Einschätzung, dass ein „Pool von Frauen“ (klingt nach einer Tagesthemen-Anmoderation zum Tod von Hugh Hefner) „entsteht“, die „fähig und bereit sind“. Ist es nicht eher so: die Fähigkeit und Bereitschaft der Frauen ist schon immer da, nicht aber die der Männer, ihre Macht zu teilen?

Montag, 25. September 2017

Im Risikomodus

Foto: Peter Otten
Nach der Bundestagswahl müsste die katholische Kirche in den Risikomodus schalten. Sie könnte dazu beitragen, dass dringend benötigte Diskursräume entstehen. Schöne Idee. Aber das wird sie nicht tun.

Von Peter Otten

In der Krypta von St. Agnes in Köln befindet sich seit einigen Jahren eine Reliquie. Dabei handelt es sich um einen Brief, den der katholische Widerstandskämpfer Nikolaus Groß im Juli 1944 an seine Tochter Marianne schrieb. Die Geschichte dieses Briefes, auch die problematische Annexion des persönlichen Widerstands eines Menschen durch Teile der katholischen Kirche hat Norbert Bauer hier schon mal beschrieben.

Samstag, 9. September 2017

Besser als allein


Foto: Marco Verch / flickr.com
Das Schlimmste im Leben ist vielleicht das Alleinsein. Zu zweit zu sein sei besser, das sagt schon der biblische Prophet Kohelet. Es gibt aber keine Garantie dafür, dass Menschen das ein Leben lang gelingt, obwohl sie sich das sehr wünschen.

Von Peter Otten

Als meine Mutter 50 wurde, schenkten wir ihr eine Fritteuse. Wir kauften sie wie alle Elektroartikel bei „Elektro Schmitter“ und ließen sie dort gleich mit einer schönen Schleife hübsch verpacken. Sie war ein runder Topf, wie ein kleiner Einkochkessel mit einem Stecker und einem Deckel. Sie hatte einen Schieberregler, mit dem man die Temperatur einstellen konnte. Der optimale Gargrad für verschiedene Lebensmittel war mit Hilfe kleiner Piktogramme aufgemalt: Ein Fisch benötigte eher eine mittlere Hitze, bei der Zubereitung von Pommes Frittes sollte man den Schieber bis zum Anschlag durchschieben.