Dienstag, 20. Juni 2017

Zwei kreiselnde Kreise


Bruno Laskas Vortragekreuz. Foto: Peter Otten
Mehr Menschen als man denkt werden bestattet, ohne das jemand trauert und zum Grab mitgeht. Was kann man einem Menschen sagen, dem man zum ersten Mal an seinem Grab begegnet? Ein Versuch von heute Morgen.

Von Peter Otten

Wir haben uns nicht gekannt.

Ich weiß Ihren Namen: Martha. Geboren wurden Sie als Martha B. Sie waren verheiratet, aber Ihr Mann ist schon gestorben. Das weiß ich aus dem Formular. Das Formular heißt: Anmeldung einer Bestattung.

Und auch das: Am 30. Oktober 1928 wurden Sie geboren. Das war das Jahr, in dem Erich Maria Remarque seinen Roman „Im Westen nichts Neues“ veröffentlichte. Im Sommer hatten in Amsterdam die IX. Olympischen Spiele der Neuzeit stattgefunden.

Am 7. März dieses Jahres sind Sie gestorben. Eine Woche nach Karneval. Ich weiß nicht, ob Sie einsam waren oder Angst hatten, als der Tod kam. Ich weiß nicht, ob Sie allein waren. Ich wünsche es Ihnen nicht. Ich weiß nicht, ob es jemanden gab, der an Sie dachte. Das wiederum wünsche ich Ihnen sehr.

Sonntag, 18. Juni 2017

Nicht bei mir

Der Ramadan-Friedensmarsch konnte nicht so viele Teilnehmer mobilisieren wie erwartetet. Die Häme ist jetzt groß. Nicht bei mir.

Ein Kommentar von Norbert Bauer

Als ich kurz vor 13.00 Uhr den beinahe leeren Heumarkt in Köln sah, wusste ich schon, dass nicht nur der grinsend rumlaufende Hendrik M. Broder sich die Hände reiben würde. Schon bald tauchten bei Facebook die ersten selbstgerechten „Wusste ich es doch“-Sprüche auf und die Kommentare in den Zeitungen und Radio zogen eine enttäuschende Bilanz.

Dabei hatten an selber Stelle vor wenigen Wochen andere Organisatoren ähnliches erlebt, ohne dass sie dafür an den Pranger gestellt wurden. Für den AfD - Parteitag wurde mit einem monatelangen Vorlauf auf breiter Basis in Köln Protest organisiert. Auch die Kirchen waren in großer ökumenischer Verbundenheit dabei. Mit dem nicht gerade geschichtsbewussten Motto „Unser Kreuz hat keine Haken“ luden sie zu einem politischen Nachtgebet ein. Die Medien berichteten ausführlich im Vorfeld, die Verbände mobilisierten ihre Mitglieder,  jede Kirchengemeinde war informiert. Trotzdem saßen mit mir nur ca. 80 weitere Christen in der viel zu großen Kirche. Meine Frau war die jüngste Beterin, ich der zweitjüngste. Aber am nächsten Tag war in keiner Zeitung die Schlagzeile zu lesen: “Politisches Nachtgebet ein Misserfolg“. Zur großen Demo am nächsten Tag wurden noch am Morgen 50000 Marschierer erwartet. Letztendlich tauchten nur 10000 auf. Dennoch wurde den Kölnern und Kölnerinnen nicht vorgeworfen, sich nicht ausreichend von der Afd abzugrenzen.  Die Muslime stehen nach der gestrigen Demo aber wieder unter dem Generalverdacht,  sich nicht genügend vom Terror zu distanzieren.
Dabei hilft schon ein Blick auf die Initiative und Organisation bei der Analyse, warum die Teilnehmerzahl hinter den Erwartungen zurückblieb.

Donnerstag, 15. Juni 2017

Loss of Empathy

Loss of Empathy Foto: Sandra Jaeger
Was passiert, wenn nicht Theologen und Theologinnen sondern Designexperten für eine Woche das Sagen in der Kirche haben?  Es wird z.B. über Todsünde gesprochen.
Ein Praxisbericht über die Möglichkeit, Menschen Kirche anzubieten und Kirche neu zu denken.

von Janka Keimer und Norbert Bauer


„Füße nicht auf die Kniebank!“ „Altarraum nicht betreten!“ „Keine eigenen Kerzen anzünden!“ Solche oder ähnliche Verbotsschilder finden sich oft in unseren Kirchenräumen. An Verbotsschildern mangelt es in unseren Gotteshäusern nicht. Auch auf das Äußere muss der Kirchenbesucher achten. Männer dürfen keine Kopfbedeckung und kurze Hosen tragen und Frauen müssen darauf achten, dass die Schultern nicht frei sind. Für jede Regel mag es gute Gründe geben. Grundsätzlich vermitteln die kleinen und großen Hinweisschilder dem Besucher eine eindeutige Botschaft: „Du betrittst fremdes Terrain. Dies hier ist unsere Kirche, nicht Deine. Hausrecht haben wir – nicht Du!“

Die Pfarrgemeinde St. Gereon versucht mit dem Projekt „Art & Amen“ in der Kirche St. Michael eine andere Haltung zu vermitteln. Wir bieten diese Kirche im Belgischen Viertel mitten in Köln an. Wir bieten die Kirche den Menschen an, die Lust daran haben, diesen Kirchenraum zu ihrer Kirche zu machen und selbst ein Angebot zu machen.
Auf hervorragende Weise haben das Professoren und Studierende der Detmolder Schule für Architektur an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe im Januar 2017 umgesetzt. Im Rahmen der Passagen, einem Designevent zur Möbelmesse in Köln, wurde die Kirche St. Michael zu einem anderen Ort und hat gerade so ihre Bestimmung neu entfaltet.
Vorausgegangen war eine intensive Kommunikation zwischen Köln und Detmold. Bei drei Ortsterminen erkundeten die Studenten den Raum, fotografierten Details, machten Tonproben. Bei diesen Begehungen entwickelten sich intensive Gespräche über die Möglichkeiten und Grenzen, einen Kirchenraum temporär zu verändern, die auch für uns, die wir diesen Kirchenraum fast täglich nutzen, neue Fragestellungen mit sich brachten.
Nach vier Monaten Planungszeit startete das siebentägige Festival „amkastenrasten“, das durch die Kategorien „Sound, Space, Image“ geprägt war.

Dienstag, 30. Mai 2017

Heilsgewissheit braucht Verräter

Foto: Norbert Bauer
Mein persönlicher Kirchentag – mit viel Spaß, aber ohne Kabarett.

Von Norbert Bauer

Kirchentag ist wenn erwachsene Menschen abends den Wise Guys, der A-Capella-Fassbrause aus Köln zujubeln, früh morgens aufstehen, um auf keinem Fall Eckhard von Hirschhausen, den „Justin Biber für Erwachsene“ (taz) mit seiner Bibelarbeit zu verpassen und dann enttäuscht sind, wenn sie anschließend um 11.00 Uhr vor der schon lange überfüllten Messehalle 21a stehen, in der das Kabarett „Djihad in Wittenberg“ aufgeführt wird. Die Enttäuschung ist dann noch größer, wenn sie sich anschließend auch beim Kabarett „Zwei Päpste für ein Halleluja“ nicht auf die Schenkel klopfen können, denn auch hier versperrt ein Pfadfinder mit einem „Halle überfüllt“ – Schild den Zugang. Ich habe keine der über 50 Kabarettveranstaltungen besucht, obwohl sie rund um die Uhr am Kirchentag angeboten wurden. Trotzdem hatte ich beim Kirchentag meinen Spaß und konnte oft genug lachen. Z.B. über meinen Witz: Wie nennt man eine Veranstaltung, bei der ein evangelischer Journalist fragt und ein katholischer Prälat antwortet?

Montag, 22. Mai 2017

Lass es Liebe sein

Foto: www.randomhouse.de
Stell dir vor, Frauen dürften nicht Priesterin werden und niemanden interessierte es? Christiane Florin
hat ein Buch über einen Weiberaufstand geschrieben, der nicht stattfindet. In einem klugen, gut recherchierten und, ja, auch amüsanten Buch nähert sie sich zudem der Frage, was das ist, was die katholische Kirche zumindest im Binnenverhältnis von Laien und Klerikern erstaunlicherweise immer noch zusammenhält - und kommt zu einem beunruhigenden Befund.

Von Peter Otten

An einer Stelle erzählt Christiane Florin von ihrem Erlebnis, als sie einmal an einer Arbeitsgruppe für mehr Weiblichkeit teilnahm. Dort sei die Idee erörtert worden, "eine Art Foto-Frauenquote einzuführen. Die sähe so aus: Immer wenn sich Bischöfe zur Vollversammlung treffen, sollten auch weibliche Wesen mit aufs Abschlussbild. Ganz gleich ob Referentinnen, Pressefrauen oder Servicekräfte - Hauptsache Seit an Seit mit Erzbischöfen. Die Idee schaffte es schließlich doch nicht auf die To-do-Liste, weil sie zu stark an einen Escort-Service gemahnte." Diese kleine Geschichte ist so skurril, dass sie wohl nur in der katholischen Kirche stattgefunden haben kann. "Wirklich weiblich - was auch immer das sein mag", so Florin jedenfalls weiter, "soll die Kirche dort, wo Entscheidungen fallen nicht werden. Sie soll nur danach aussehen."

Ihr Buch heißt "Der Weiberaufstand" und handelt von einem Aufstand, den es gar nicht gibt. Denn das ist das Bemerkenswerte: Warum regt es in der Kirche eigentlich immer weniger Menschen auf, dass Frauen systematisch benachteiligt werden? "Es geht mir um die kleinen Nadelstiche" schreibt die Autorin im Klappentext, "die ganz selbstverständlichen Benachteiligungen, nur weil das Gegenüber eine Frau ist. Würde man so handeln, weil das Gegenüber eine dunkle Hautfarbe hat, dann wäre man Rassist. Handelt und redet man so, weil das Gegenüber eine Frau ist, was ist man dann? Katholisch."

Dienstag, 2. Mai 2017

Nirgendwo Sicherheit

Screenshot: Peter Otten
"The Young Pope" ist eine Serie wie eine makellos gebügelte maßgeschneiderte Soutane. Regisseur Paolo Sorrentino zirkelt einen Bilderreigen über ein autistisch-unzugängliches, doch jederzeit faszinierendes Spiel hinter den Mauern des Vatikan. Dabei entstehen Reflexionen über Macht, Liebe, Gewalt und die Frage nach Gott.

Von Peter Otten

Nehmen wir nur als Beispiel das Intro zur zweiten Folge: Der Schweizergardist schläft mit seiner Frau Esther. "Du liebst mich nicht" wird er kurze Zeit später sagen. Da trägt er schon längst wieder sein lakonisches Gardegesicht und die prachtvolle Pumphosen-Uniform. Sie spiegelt sich im kleinen Frisierspiegel seiner Gattin. Über dem Bett ein großes Foto: Der Schweizergardist trägt seine Frau auf Händen. Die Kamera segelt weiter. Glockenschläge. Ein Ave Maria setzt ein. Ein Kardinal sitzt auf einem Bett und spricht in sein Handy. Ein anderer Kardinal im gestreiften Bademantel wäscht seine Füße in einem Bedé. Ein korpulenter Kardinal hat Mühe, seine Schnürsenkel zu erreichen. Einer mit gepflegtem Weißbart blickt auf sein IPad, während eine ätherische junge Nonne ihm zu Füßen seine Soutane flickt. Einem schmalen kränklich aussehenden Kardinal werden abwechselnd Morgenzigarette und Sauerstoffmaske gereicht. Ein anderer bekommt eine Spritze ins Hinterteil. Ein Kardinal mit weißen Haaren frühstückt ein Brötchen mit Nußnougatcreme. Eine Gruppe von Nonnen beim Fußballspiel. Einer von ihnen gelingt ein Hackentrick á la Messi. Einer andere wirft sich im Tor vergeblich dem Ball hinterher. Morgens um neun im Vatikan.

Freitag, 14. April 2017

Leerstellen


Foto: Peter Otten
Der Karfreitag nimmt sich Zeit, Leerstellen zu betrachten: Augenblicke, nach denen nichts mehr kommt.

Von Peter Otten

Dieser Johannes macht so viele Worte! Denke ich, als ich den Text wieder und wieder lese. Als möchte er, weil er aus der Pespektive „90 Jahre danach“ schreibt, alles „auf Linie“ bringen. Damit alles bis in den Höhepunkt hinein stimmig erklärt ist: Es ist der Gottessohn, der da stirbt. Deswegen weisen alle Schriftworte auf diesen Punkt hin. Deswegen die vielen Diskussionen und Gespräche. Dieser Spannungsaufbau, diese fast schwüle körperlich anstrengend verspürte Atmosphäre dieses endlos erscheinenden Dramas.

Bis endlich der Höhepunkt der Geschichte erreicht ist, in dem sich alle Spannung entlädt, dass man es fast körperlich spürt, ja fast erleichtert ist: „Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.“ Man kann fast hören, wie der Atem ein letztes Mal entweicht. Es fast spüren.